Im Gespräch mit Anna Heinrichs von Horror Vacui - Maison Gassmann

Im Gespräch mit Anna Heinrichs von Horror Vacui

Die Liebe fürs Detail sei eine Liebe fürs volle Leben, sagt Anna Heinrichs. Die Designerin hinter dem Münchner Newcomer-Label Horror Vacui hat sich dem Maximalismus verschrieben. Der Name, der den menschlichen Instinkt beschreibt, leere Räume zu füllen, könnte nicht treffender sein: Heinrichs Kreationen sind eine Ode an Farben und Muster. Ihre Frühling/Sommer-Kollektion, die wir ganz neu bei Maison Gassmann führen, ist dabei keine Ausnahme. Ihre wilden, floralen Stücke beschwingen so sehr, dass wir am liebsten in sie eintauchen möchten.

Fotografie
Kathrin Makowski

Interview
Charlotte Fischli

MAISON GASSMANN: Was hat Sie nach Ihrem Rechtsstudium ursprünglich dazu bewogen, Ihr eigenes Label zu gründen?

Anna Heinrichs: Die Begeisterung für Mode hatte ich vom frühen Kindesalter an. Trotzdem ergab sich nach dem Abitur erstmal alles anders, und ich studierte Jura. Als ich mich im Auslandsstudium in Mailand wiederfand, holte mich die Leidenschaft für Mode allerdings voll ein: Ich war ständig Impulsen aus allen visuellen Disziplinen ausgesetzt, von Kunst über Design bis Architektur. Eine unglaublich inspirierende Zeit! Mein Entschluss, mich nach dem Examen voll der Mode zu widmen, begann zu reifen. Ich realisierte, dass sie das Einzige ist, wofür ich wirklich brenne.

MG: Sie haben 2012 mit bunten Pyjamas angefangen, Ihre Kollektion aber bald mit Ready-to-wear-Elementen ergänzt. War Ihnen Nachtwäsche schnell zu wenig?

AH: Durch die Aufnahme in den Vogue Salon 2014 und ein Jahr später in den Berliner Mode Salon rückte meine Pyjamakollektion in einen neuen Kontext. Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen Vogue, hat mein Selbstvertrauen als Designerin unglaublich gestärkt und mir das Gefühl vermittelt: Du hast Talent, mache mehr, mache alles, was du willst!

 

«Prints haben oft­mals einen unbeschreiblichen Zauber. Ich liebe es, wenn einer meine Fantasie anregt, Erinnerungen weckt, Geschichten erzählt.»

MG: Mit Ihren Pyjamas waren Sie ein Nischenlabel. Durch die erweiterte Linie kommt jetzt auch mehr Konkurrenz.

AH: Am Anfang meines kreativen Prozesses steht dennoch immer die unbändige Lust auf ein bestimmtes Produkt, das ich in der Modelandschaft vermisse. Als Erstes mussten bunte Print-Pyjamas her, als Nächstes ultrafeminine Nachthemdkleider. Ich habe unendlich viele Ideen, möchte aber immer speziell und besonders bleiben und einen gewissen Twist zu dem kreieren, was es schon gibt. Das ist sowohl das Schöne als auch die Herausforderung bei Horror Vacui.

MG: Für Ihren Brand haben Sie einen aussergewöhnlichen Namen gewählt, der übersetzt die Angst vor der Leere bedeutet. Haben Sie Muster und Prints schon immer mehr angezogen als schlichte ­Linien?

AH: Prints haben oftmals einen unbeschreiblichen Zauber. Ich liebe es, wenn einer meine Fantasie anregt, Erinnerungen weckt, Geschichten erzählt. Wilde, überladene Designs können genauso wunderschön und ruhig wirken, wie etwas Schlichtes furchtbar unharmonisch aussehen kann.

 

MG: Trotzdem: Wie schmal ist der Grat zwischen Dekoration und Überreizung?

AH: Eher schmal. Es ist faszinierend, welche komplexe Anatomie oft dahinter steckt, Harmonie zu erzeugen. Das beeindruckt mich zum Beispiel an englischen Interieurs, wo oft Textilien, Muster und Möbel komplett anderer Stile und Epochen gemischt werden. Eine strikte Symmetrie bringt Dinge aber meistens wieder in Balance und kreiert eine Gemütlichkeit, der man nicht ausweichen will.

MG: Welches war der Ausgangspunkt, die erste Idee, für ihre Frühling/Sommer-Kollektion?

AH: Ich lasse mich für die einzelnen Saisons gerne und oft von Stoffen und Farben inspirieren. Diese Saison standen Blumenprints im Fokus.

MG: Wie geht der Designprozess weiter? Gehen Sie konkret auf die Suche nach Ideen oder kommen die Einflüsse ­automatisch?

AH: Bei mir passiert das wie von selber. Inspiration ist ein ständiger Prozess, der nie endet. Ich habe so viele Ideen in meinem Kopf, dass ich manchmal nicht weiss, wohin damit!

MG: Müssten Sie ein Lieblingsstück der neusten Kollektion auswählen, welches wäre das?

AH: Das «Defensia» -Kleid und das blaue Modell «Deus» mit traditionell verarbeiten Muschelsäumen sind ganz klar die Herzstücke der Kollektion.

 

«Am Anfang meines kreativen Prozesses steht immer die unbändige Lust auf ein bestimmtes Produkt, das ich in der Modelandschaft vermisse.»

MG: Welche sind Ihre Hauptinspirationsquellen?

AH: Das kann alles und jeder sein, jederzeit. Besonders faszinierend finde ich aber Porträtgemälde aus vergangenen Jahrhunderten. Die Kleidung, die man damals trug, war so unglaublich aufwendig, kostbar und detailreich. Heute leben wir einer ganz anderen Zeit.

MG: Gibt es ein Bild, das Sie ganz besonders ­prägte?

AH: Ich finde sämtliche Porträts von Elizabeth I., der sogenannten «Virgin Queen», aus dem 16. Jahrhundert sehr spektakulär. Im Porträt «Armada» beispielsweise dominieren die grossen, mit pinken Schleifen verzierten Ärmel ihres Kleides das gesamte Bild. Ihr Kostüm ist über die Massen aufwendig. Die vielen Details haben symbolische Bedeutungen, mit deren Hilfe Elizabeth eine politische Aussage kommunizieren wollte. Dennoch steht ihr Gesicht im Zentrum – die Kleidung lenkt nicht ab. Dieser Ansatz fasziniert mich.

MG: Welches ist Ihr Lieblingsplatz in Ihrer Heimatstadt München?

AH: Die Pinakotheken und das Lenbachhaus. Hier könnte ich eine Ewigkeit damit verbringen, Porträtgemälde mit schöner Kleidung zu studieren.

 

MG: Welches ist die aussergewöhnlichste Destination, die Sie je besuchten?

AH: San Fruttuoso auf der Portofino-Halbinsel vor Genua. Man erreicht dieses kleine Dorf nur auf dem Wasserweg und es besteht eigentlich nur aus einem alten ehemaligen Kloster, welches direkt am Strand steht. Weiter oben auf dem Berg ist ein kleiner Bio-Bauer, der Oliven, Tomaten und Ähnliches anpflanzt und verarbeitet. Man kann einen atemberaubenden Blick auf die Bucht und den Nationalpark geniessen, während man kleine Gerichte mit soeben geernteten Zutaten wie Oliven und Büffelherztomaten isst.

MG: Ein Ort, zu dem Sie eine spezielle Beziehung pflegen?

AH: Mailand wird immer mein zweites Zuhause sein.

MG: Zum Schluss: Was ist für das Jahr 2018 ­geplant?

AH: Während der Fashion Weeks geht es für mich zuerst nach London, wo der deutsche Botschafter und die Vogue-Chefredakteurin Christiane Arp mich und ein paar andere deutsche Designer dazu eingeladen haben, unsere Kollektionen im Rahmen der London Fashion Week zu zeigen. Danach geht es gleich weiter nach Paris, wo wir wiederum einen Showroom haben. Und im Anschluss reise ich nach Hamburg, ins Head Office von H&M Deutschland, wo im Rahmen des Fellowships von H&M und dem Fashion Council Germany diverse Workshops stattfinden werden.