Mit Nadel und Faden

Hier werden Modemärchen passend gemacht. Warum wir uns den Luxus einer eigenen Schneiderei leisten und was Bienen damit zu tun haben.

Gut verborgen, und zwar so gut verborgen, dass die Tür mit einem «Fleissige Bienen-Zertifikat» und den treffenden Worten «Bereit für jede Herausforderung» angeschrieben ist, hegt das Atelier im 3. Stock am Weinplatz 3. Hier versteckt sich das heimliche Herz des Maison Gassmann: die Schneiderei. Nur wenige Schritte von den Verkaufsflächen entfernt befindet sich die Stoff-Schaltzentrale. Manchmal muss es sehr schnell gehen, manchmal geht es in mehreren Schritten und Anproben, bis der richtige Schuh, der die finale Kleiderlänge vorgibt, gefunden ist. Immer allerdings der Reihe nach und vor allem mit grosser Ruhe und Sorgfalt. Denn: Schneiderarbeit ist hohe Kunst und die Chance auf einen grossen Schnitt hat man eben nur einmal. Nur wenige Geschäfte in der Stadt leisten sich noch den Luxus einer hauseigenen Schneiderei. Die Vorteile liegen auf der Hand: kurze Wege und unmittelbare Nähe zum Kunden.

Herrin über dieses wohlsortierte Reich ist die erfahrene Damenschneiderin Bernadette Scherrer, die gemeinsam mit einer Mitarbeiterin alle anfallenden Änderungen persönlich durchführt. Blazer, die im Rücken gut sitzen, aber ein bisschen zwicken, oder hauchzarte Sommerkleider, die mit wenigen Stichen optimiert werden – hier wird mit Nadel, Faden und Schere gearbeitet, auf Mass genäht, mit der Hand oder der Nähmaschine. Ob der Grosseinkauf einer ausländischen Familie, die in wenigen Stunden mit Hosen in der richtigen Länge das Land wieder verlassen möchte, die treue Stammkundin, für die immer die passenden Schulterpolster in verschiedenen Ausführungen bereit liegen, weil man im Haus ihre Wünsche sehr genau kennt, oder das ärmellose Kleid, das man lieber mit Ärmeln tragen würde. «Natürlich sind wir durch Säume und Materialvorgaben limitiert, aber wenn es technisch möglich ist, dann machen wir alle Wünsche wahr. Bei Akris etwa können wir jederzeit Stoffe nachbestellen und so auch grosse Änderungen vornehmen und eine Lösung finden.» so Bernadette Scherrer. «Für mich ist die Arbeit an unseren aufwendigen Abendkleidern besonders schön. Erst kürzlich haben wir ein transparentes Kleid von Ewa Herzog mit unzähligen handgestickten Blumen an den entsprechenden Stellen trauungstauglich gemacht – die strahlende Braut hat sich später persönlich bedankt.

Ich sehe meine Arbeit als eine optimale Ergänzung zu der der Designer, schliesslich ist ein Kleid erst dann perfekt, wenn es auch perfekt sitzt. Wenn alles stimmt, das macht mich glücklich» lacht sie und streicht den geblümten Seidenstoff ihrer aktuellen Arbeit mit grosser Liebe und Sorgfalt glatt. Sie ist eine traditionell ausgebildete Damenschneiderin und hat in einem kleinen Betrieb in ihrem Heimatort Stans gelernt. Von der Stecknadel auf hat sie schon in ihrer Ausbildung in einem Couture-Atelier Massanfertigung studiert und durch den direkten Kontakt mit ihren Kunden immer mehr dazugelernt. Millimetergenaue Präzision, Kreativität, selbstständiges und vorausschauendes Denken sind ihre Kernkompetenzen. Damit ist sie dem Maison Gassmann eine unentbehrliche Mitarbeiterin geworden und wie es der Zufall möchte, ist unser Besuch der Tag ihres 25-jährigen Betriebsjubiläums. Ein besonderer Tag im Leben der treuen Mitarbeiterin